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Brasilianischer Karneval. Aber nicht der, den du meinst zu kennen.

Geschrieben von Francisco Cribari

Maracatu Rural

Die brasilianischen Karnevalsfeste sind in der ganzen Welt bekannt, besonders die der Sambaschulparaden in Rio de Janeiro. Auch in meiner Heimatstadt von Recife und in Salvador werden großartige Karnevalsumzüge gefeiert. An diesen Tagen sind die Strassen voller Touristen, die aus ganz Brasilien und dem Ausland hinzuströmen. Das ist alles bekannt und nichts Neues für Dich. Jedoch möchte ich in dieser Reportage nun über ein anderes Karnevalsfest berichten, dass weder Touristen noch die Aufmerksamkeit von Fernsehsendern und Zeitungen auf sich zieht. Ich möchte dir lieber Leser, von den Karnevalsfeiern  in Nazaré da Mata erzählen. Einer kleinen Stadt, die sich  in der Landschaft von Pernambuco befindet. Dort kämpfen Arbeiter mit niedrigem Einkommen - viele davon sind in den Zuckerrohrplantagen beschäftigt - um ihre alten Traditionen und Kulturen. Eine davon ist der Maracatu, genauer gesagt, ist er als  Maracatu Rural bekannt.

Der Maracatu ist ein alter brasilianischer Prozessionstanz mit afrikanischen Wurzeln aus den Zeiten der Skalverei.  Drei unterschiedliche Stile sind von ihm bekannt, wobei der Maracatu Rural einer von ihnen ist. Die Hauptfigur des Traditionstanzes ist der "caboclo de lança" -  ein Soldat, der ein großes verziertes Kostüm, einen Speer in den Händen und eine weiße Blume im Mund trägt. Ebenso tritt ein König und eine Königin auf, die von Regenschirmen umschützt werden. Viele unterschiedliche Charaktere, wie Hofdamen, Grafen oder auch die des Botschafters, der das Banner der Karnevals-Gruppe trägt, sind in diesem einzigartigen Volkstanz zu finden. 

Nazaré da Mata veranstaltet die traditionellste Parade von allen Maracatu Rural Gruppen. Dabei ist jede Gruppe einer Gemeinschaft zugeordnet, deren Mitglieder während des Jahres Geld sparen, um ihre prächtigen Kostüme herstellen zu können. Die Tradition wird zwischen den Generationen weitergegeben, so dass auch immer wieder Kinder am Festzug teilnehmen. So gibt die ältere Generation ihr Wissen an die Heranwachsenden weiter, in der Hoffnung das dieses auch zukünftig fortbesteht.  

Jedes Jahr fahre ich während des brasilianischen Karnevals nach Nazaré da Mata, um die Parade von Maracatu zu fotografieren. Wie meine Fotos zeigen, interessiere ich mich mehr für die Individuen als für die Tänze und Aufführungen. Ich schaue gerne in deren Gesichter, auf ihre Narben, ihr eingeschränktes und manchmal nicht so eingeschränktes Lächeln. Ich wundere mich über ihr Leben, über ihre schlecht bezahlten Jobs, über ihre Träume und Hoffnungen. Es scheint so, als fühlten sich die Tänzer, zu mindestens für ein paar Tage lang, als andere Menschen. Als Menschen, die ein anderes Leben führen, indem sie täglichen nicht den harten Gang zur Arbeit vollziehen müssen. Auch die Zuschauer, wovon viele Einheimische sind, scheinen eine gewisse Verzauberung zu benötigen, so dass sie dem bunten Treiben zujubeln und spüren wollen, dass das Leben mehr ist als das, was sie bisher erlebt haben .

Oft erkenne ich mich in den Protagonisten wieder, da wir alle Menschen sind, die die gleichen Hoffnungen und Träume miteinander teilen. Wir alle wollen ein besseres Leben führen. Wir alle wollen uns sicherer fühlen. Wir alle wollen den Tod vergessen. Wir sind alle Träumer -  wir sind alle Menschen.


Über mich

Francisco Cribari ist ein freiberuflicher Fotograf, spezialisiert auf Straßenfotografie und Porträts, der in Recife, Brasilien, lebt. Er ist Fan von Barockmusik- und ein Linux-Enthusiast. Seine Leidenschaft für die Fotografie begann Ende der 70er Jahre, als er bei Imagem und Ação (São Paulo, Brasilien) studierte. In jüngerer Zeit nahm er an verschiedenen Strassenfotografie - Kursen von Thomas Leuthard teil. Außerdem war er Student in der Masterclass für Portraitfotografie des brasilianischen Fotografen Marcio Scavone. Sein Hauptthema sind Menschen, sei es im Studio (Modefotografie, Porträts) oder auf der Straße (Straßenfotografie). Es gibt kein reicheres Thema, das erforscht werden könnte. Unsere Menschlichkeit ist voll von Widersprüchen und Nuancen, die es zu erforschen gilt. Der Autor Richard Powers sagte einmal über dies: "Der Zweck der Kunst ist es, uns daran zu erinnern, dass es eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten gibt, die wir noch nicht einmal in Betracht gezogen haben."

Das ist auch der Zweck der Fotografie und das versucht er in seinen Fotos zu reflektieren.


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