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Eine Schachtel Pralinen

Brasilianische Strassenfotografie

Ich bin Francisco Cribari, ein brasilianischer Straßenfotograf, der es liebt an öffentlichen Plätzen unterwegs zu sein und Menschen zu fotografieren. Es zieht mich geradezu an, dass wahre Leben auf der Straße festzuhalten. Robert Doisneau drückte es einmal so aus, dass die Wunder des täglichen Daseins so aufregend sind, das kein Filmregisseur das Unerwartete so gut arrangieren kann, wie man es man auf der Straße vorfindet. Dabei stimme ich ihm vollkommen zu, denn die Straßen hört nie auf mich zu überraschen. Es ist einfach nur Schön, dass Gefühl des Staunens wahrzunehmen und den unerwarteten Situationen gegenüberzustehen, die uns neue Dinge über das menschliche Dasein lehren. Der Fotograf Thomas Leuthard sagte einmal, Straßenfotografie sei wie eine Pralinenschachtel: Man weiß nie, was man bekommt.

Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, sehe ich die Menschen kommen und gehen. Ich achte auf sie. Ich wundere mich über ihr Leben, darüber, wie sie sich in diesem Moment fühlen, über ihre Hoffnungen und Träume. Dahingehend ist für mich die Empathie ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Manchmal sehe ähnliches von mir in den Menschen, die ich auf der Straße treffe. Schließlich sind wir weniger einzigartig, als wir es zugeben möchten. Wir sind alle nur Menschen, welche die gleichen Ängste teilen, das gleiche Unbehagen über den Tod und die gleiche innewohnende Einsamkeit. In der Tat ist mein Lieblingsmotiv - die städtische Einsamkeit. Wir werden alleine geboren und sterben alleine. Letztendlich leben wir in ständiger Einsamkeit. Wir versuchen diese Einsamkeit hinter kleinen Gesprächen, oberflächlichen Social-Media-Interaktionen, Mobiltelefonen und hinter anderen zu verbergen. Die Stadt bietet uns ein beträchtliches Paradox: Wir sind allein, sogar sehr, wobei wir ständig von Hunderten, sogar Tausenden von Menschen umgeben sind. Dieses Paradox motiviert mich, auf die Straße zu gehen und Fotos zu machen. Die Menschheit ist voller Nuancen und Widersprüche. Solche Nuancen und Widersprüche werden von Schriftstellern und Malern ständig erforscht. Ich bin fest davon überzeugt, dass Fotografen dasselbe tun sollten.

Nachdem ich ein paar Jahre Porträts gemacht hatte, lernte ich von zwei Fotografen folgende wichtige Lektionen. Die Erstere von Plato kann in zwei Worten zusammengefasst werden: Alles vereinfachen. Die Stadt ist ein Durcheinander;  Sie ist voll von Menschen, Autos, Schildern, Reklametafeln, Ecken usw. Es sind zu viele Information. Wenn ich meine Bilder komponiere, versuche ich diese zu vereinfachen. Ich nehme das auf, was ich sehe und probiere das menschliche Element hervorzuheben. Bei der Fotografie geht es nicht nur darum, was innerhalb des Kamerasuchers aufgenommen wird, es geht vielmehr darum, was davon ausgeschlossen ist. Die zweite wichtige Lektion kam von Peter Lindbergh: Unvollkommenheit ist Schönheit. Ich suche nie nach Perfektion. Das Licht ist niemals perfekt in den Straßen. Viele Kompositionen sind in Sekundenbruchteilen konzipiert und werden daher nie perfekt sein, wie was man in inszenierten Bildern findet. Unvollkommenheit kann eine Stärke in der Straßenfotografie sein. 

Fast alle meine Straßenbilder sind in Schwarz Weiß aufgenommen. Ich glaube, das jener Stil alles über das Wesentliche im Bild erzählt: Komposition und Licht. Wenn die Farben aus dem Bild entfernt werden und nur noch Schwarz & Weiß und eine reiche Skala von Graustufen übrig bleiben, dann werden die wesentlichen Elemente deutlicher. Außerdem entsprechen Schwarz-Weiß-Bilder nicht genau der Realität, die sie darstellen. Um Aaron Siskind zu zitieren: "Wenn ich ein Foto mache, möchte ich, dass es ein völlig neues Objekt ist, vollständig und in sich abgeschlossen, dessen Grundbedingung Ordnung ist." Das ist auch meine Meinung! Ein anderer Fotograf sagte einmal, dass Schwarz-Weiß-Fotografie eher das Lesen des Buches als das Sehen des Films ist. Es gibt halt eine Ebene der Abstraktion und einige Details bleiben nur der Fantasie überlassen.

Meine Haupteinflüsse in der Street- und Dokumentarfotografie sind aus den Aufnahmen von Henri Cartier-Bresson, Robert Frank und Alex Webb zurückzuführen. Besonders bewundere ich die geometrischen und präzisen Kompositionen von Cartier-Bresson, die instinktiven Inszenierungen von Frank und die komplexen Kompositionen von Webb. Die Amerikaner (von Robert Frank) und The Suffering of Light (von Alex Webb) sind jene Bücher, die mich am meisten beeinflussten. Weitere Inspiranten sind Bruce Gilden, Daido Moriyama, Diane Arbus, Elliott Erwitt, Garry Winogrand, Josef Koudelka, Ralph Gibson, Rui Palha, Saul Leiter und Sebastião Salgado.

Früher habe ich hauptsächlich mit Vollformat-Kameras von Nikon fotografiert. Nachdem ich nun aber angefangen habe mit Fujifilm zu fotografieren, verweilt meine geliebte Nikon D800 mehr und mehr bei mir Zuhause im Schrank.  Mein derzeitiges Setup besteht aus drei Fujifilm Kameras, nämlich der X-Pro2, der X100S und der X100T. Die Objektive, die ich an der X-Pro2 benutze, sind das Fujifilm XF 35 mm F / 2R WR, Fujifilm XF 50mm F / 2R WR und das Fujifilm XF 56mm 1: 1,2 R. Ausschlaggebend dafür, dass ich mich für die Fujis entschied war : (1) die Kompaktheit, (2) die  Bildqualität, (3) der APS-C-Sensor, (4) der schnelle Autofokus, (5) die manuellen Kontrollen und (6) aufgrund der wirklich hervorragenden Objektive. Durch den Einsatz der X100 und X-Pro Serie kann ich zudem zwischen elektronischem und optischem Sucher hin- und herschalten. Insbesondere benutze ich den optischen Sucher, wenn ich über die Rahmengrenzen hinaus etwas sehen möchte.

Die meisten meiner Straßenbilder werden im Blendenprioritätsmodus erstellt. Ich stelle die ISO und die Blende ein und lasse die Kamera die Verschlusszeit wählen. Für kleinere Anpassungen an meinen Geschmack,  verändere ich wenn nötig die Belichtungskorrektur. Meistens  benutze ich den Autofokus (AF-S, Single Point), aber ich fokussiere auch mal gerne im manuellen Modus - mittels des Fokus-Peaking, was bestens an den Fujifilm Kameras funktioniert. Außerdem erstelle ich meine Fotografien nicht im Burst-Modus. Ich mag es, wenn es nur einmal klickt und ich mich der Herausforderung gegenüber stehen sehe - voll Konzentriert für den einen Moment da zu sein. 

 

Die JPEG-Bilder von Fujifilm sind dafür bekannt, dass sie exzellent sind und die Voreinstellungen für die Filmemulation sind ebenso hervorragend. Hier ist Acros meine absolute Lieblingseinstellung. Ich bevorzuge jedoch die Arbeit mit RAW-Dateien, wo ich die volle Kontrolle über das endgültige Aussehen meiner Fotos erhalte. In der Nachbearbeitung vertraue ich zurzeit auf den Open-Source-RAW-Entwickler: Darktable.

Meine wichtigsten Tipps zur Straßenfotografie: Erstens, verwende eine kurze Brennweite, z. B. 35 mm oder 50 mm (in Vollbildäquivalent). Die 85 mm (Vollformat) sind im Allgemeinen die maximale Brennweite, die für Strassenfotografien noch als akzeptabel angesehen werden. Wichtig ist, dass du unmittelbar bei den Personen bist, die du fotografieren willst. Erinnere dich daran, was Robert Capa einst sagte: "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran gewesen." Zweitens, fotografiere die Leute nicht zufällig. Vielmehr wähle den Hauptpunkt deines Interesses (normalerweise eine Person) und bauen diese in eine spannende Komposition ein. Drittens, entwickele deinen eigenen Stil, wozu auch die Art der Nachbearbeitung zählt. Viertens, überarbeite deine Fotos nicht übermäßig. Ein Bild sollte in ein paar Minuten oder in  wenigen Schritten verarbeitet sein; manche sagen sogar in einer Minute oder weniger. Dazu werden Objektivkorrekturen, Belichtungs- und Weißabgleiche, eine Rauschunterdrückung (falls erforderlich), Schwarz / Weiß-Konvertierung (falls gewünscht) und Kontrasteinstellung (typischerweise Erhöhung des Kontrasts) vorgenommen. Zur Erhöhung des lokalen Kontrasts, kannst du Klarheit und eine Vignettierung hinzufügend. Fünftens, verzichte auf Wasserzeichen in deinen Bildern. Sechstens, vermeide Obdachlose und Straßenkünstler zu fotografieren. Wir fotografieren keine Obdachlosen, weil sie in einer prekären Lebenssituation sind. Wir vermeiden es, Straßenkünstler zu fotografieren, weil das zu einfach ist. Siebtens, studiere. Lese Bücher und nehmen besuche unterschiedliche Kurse zur Fotografie. Achtens, besuche Museen und Kunsthäuser. Achte beim Betrachten der Gemälde auf die Farben, die der Künstler verwendete und wie er das Bild damit zusammengesetzt hat.

Bei der Street Photography geht es genauso um den Fotografen, wie um die Menschen, die er / sie fotografiert. Magnum Fotograf Bruce Gilden fasste zusammen: "Ich fotografiere mich selbst. Es ist meine Sicht auf die Welt." Meine Fujifilm-Ausrüstung hilft mir dabei, meinen Ausblick auf die Welt in Standbilder zu übersetzen. Wenn ich auf die Straße gehe, habe ich meine Fujifilm in der Hand und ein klar definiertes und ehrgeiziges Ziel: Bilder zu erfassen, die nicht naheliegend und bedeutungsvoll sind.


Über mich

Francisco Cribari ist ein freiberuflicher Fotograf, spezialisiert auf Straßenfotografie und Porträts, der in Recife, Brasilien, lebt. Er ist Fan von Barockmusik- und ein Linux-Enthusiast. Seine Leidenschaft für die Fotografie begann Ende der 70er Jahre, als er bei Imagem und Ação (São Paulo, Brasilien) studierte. In jüngerer Zeit nahm er an verschiedenen Strassenfotografie - Kursen von Thomas Leuthard teil. Außerdem war er Student in der Masterclass für Portraitfotografie des brasilianischen Fotografen Marcio Scavone. Sein Hauptthema sind Menschen, sei es im Studio (Modefotografie, Porträts) oder auf der Straße (Straßenfotografie). Es gibt kein reicheres Thema, das erforscht werden könnte. Unsere Menschlichkeit ist voll von Widersprüchen und Nuancen, die es zu erforschen gilt. Der Autor Richard Powers sagte einmal über dies: "Der Zweck der Kunst ist es, uns daran zu erinnern, dass es eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten gibt, die wir noch nicht einmal in Betracht gezogen haben."

Das ist auch der Zweck der Fotografie und das versucht er in seinen Fotos zu reflektieren.


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